Runder Tisch gegen sexuellen Kindesmissbrauch

 

 

Welche Art der Hilfe, Unterstützung und Anerkennung muss den Opfern zuteilwerden? Wie können Einrichtungen Übergriffe auf Mädchen und Jungen in Zukunft verhindern? Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, war Ziel der zweiten Sitzung des Runden Tisches.
 
Unter dem gemeinsamen Vorsitz von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und Bundesbildungsministerin Annette Schavan fand Ende September 2010 die zweite Sitzung des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch" statt. In erster Linie wurden die Ergebnisse der drei Arbeitsgruppen (AG) beraten. Zudem legte die Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann einen Zwischenbericht ihrer Arbeit vor.
 
Neben Vertretern von Kirchen und Schulträgern sind auch Kinder- und Jugendschutzverbände, Juristen, Mediziner und Psychologen am Runden Tisch beteiligt. Zusätzlich zum großen Kreis nahmen Mitarbeiter der drei Arbeitsgruppen teil, die sich mit der Prävention, rechtlichen Fragen und Anforderungen an Forschung und Lehre befassen.
 

Beratungen zu Rechtsfragen


Eine geplante Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfrist von derzeit drei auf dreißig Jahre, mehr Schutz des Opfers im Ermittlung- und Strafverfahren, sowie die Ausweitung der Finanzierung eines Anwalts auf Staatskosten – das sind einige der Ergebnisse der Arbeitsgruppe Justiz.
 
Die AG gelangte ferner zu dem Ergebnis, dass "eine Selbstverpflichtung der betroffenen Organisationen, im Verdachtsfall die Staatsanwaltschaft über einen Tatverdacht zu informieren, der bessere Weg ist", so Frau Leutheusser-Schnarrenberger. Eine Anzeigepflicht für Menschen, die von sexuellen Übergriffen erfahren, lehnten die Rechtsexperten dagegen ab. Die Ministerin wies darauf hin, dass bis 2013 jährlich 387.000 Euro für das Präventionsprojekt "Dunkelfeld" bereit gestellt werden. Es bietet Menschen mit pädophilen Neigungen eine Anlaufstelle.
 

Standards als Grundlage für Förderung


Frau Schröder will dafür sorgen, dass künftig jede Einrichtung, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, bestimmte Standards erfüllt. Davon soll auch eine staatliche Förderung abhängig sein. Für hauptamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in solchen Einrichtungen wird die Ministerin die Vorlage des erweiterten Führungszeugnisses zur Pflicht machen. Außerdem ist ein bundesweites Fortbildungsprogramm für Mitarbeiter aus der Kinder- und Jugendhilfe zu sexueller Gewalt geplant. Dafür sollen in den kommenden vier Jahren drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden.
 

Investitionen in Ursachenforschung


Frau Schavan will 32 Millionen Euro in Forschungsprojekte zum Thema Kindesmissbrauch investieren. 20 Millionen Euro gehen in ein interdisziplinäres Forschungsnetz "Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt". Weitere Mittel fließen in bildungswissenschaftliche Forschung. "Wir wollen früher auf Täter aufmerksam werden und dadurch Kindesmissbrauch wirkungsvoll verhindern", so die Bundesbildungsministerin.
 
Hotline für Missbrauchsopfer

Seit vier Monaten ist eine telefonische Anlaufstelle eingerichtet, an die sich Opfer sexuellen Missbrauchs wenden können. Auch Angehörige und Menschen, denen in ihrer Umgebung Fälle von Missbrauch auffallen, können die bundesweite Telefonnummer 0800 2255530 anwählen. Fachkräfte aus den Bereichen der Sozialpädagogik, Psychologie und Medizin stehen sofort als Ansprechpartner bereit.
 
Christine Bergmann stellte in Berlin Ergebnisse zur Nutzung der telefonischen Anlaufstelle vor. Als Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs setzt sie sich dafür ein, dass das Leid der Betroffenen anerkannt wird und sie nachhaltig Hilfe und Unterstützung erhalten.
 
Insgesamt 2.500 Anrufe und Briefe erreichten die Missbrauchsbeauftragte und ihr Team in den vergangenen fünf Monaten. 60 Prozent davon hatten sich noch nie jemandem anvertraut. Einmaliger Missbrauch wurde selten berichtet, dagegen wurden die meisten mehrfach und wiederkehrend missbraucht. Das Durchschnittsalter der Anrufenden lag bei 50 Jahren. Der Missbrauch geschah also meist vor vielen Jahren.
 

Sprechen hilft!


Mit einer groß angelegten Kampagne wirbt die Unabhängige Beauftragte bei Betroffenen jetzt für ihr Hilfsangebot. Die Kampagne nutzt alle medialen Kanäle, um auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen: Der Regisseur Wim Wenders drehte einen Fernseh- und Kinospot, den er persönlich vorstellte. Die Motive für Plakate, Faltblätter, Postkarten und Anzeigen lieferten die Fotografen Donata Wenders und Alberto Venzago.

"Die Anruferinnen und Anrufer bestätigen uns, wie wichtig es ist, sich überhaupt erstmals jemandem anzuvertrauen – oftmals Jahrzehnte nach der Tat", sagte Bergmann bei der Vorstellung der Kampagne. "Mit dem Reden können sie sich selbst ein Stück von der Vergangenheit befreien und den Tätern Macht nehmen."

 

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